Loop!

Astro-Labor

Astro-Logics VIII: Das scharfe Schwert

Wer sich mit Astrologie nur theoretisch beschäftigt, könnte leicht dem Irrtum verfallen, dass sie ein statisches und unbewegliches Menschenbild beinhaltet. Da gibt es zwölf Archetypen, denen gewisse Charaktereigenschaften zugeordnet werden. Wer einmal als Skorpion geboren wird, dem haftet dann eben all das an, was sich im Laufe der Zeit als astrologische Zuschreibung angesammelt hat. Im Grunde sind das alles irgendwie düstere Zeitgenossen, mit denen nicht gut Kirschen zu essen ist. Während man das übernächste Zeichen, den Steinbock mehr oder weniger offen als Spaß-Bremse abstempelt. Und die Jungfrau darf neidisch auf den jovialen Schützen blicken, dem der Erfolg quasi schon in den Mutterschoss gefallen ist, während sie immer hart dafür arbeiten muss.

All diese Überzeichnungen stammen aus dem, was Insider astrologische Kochbücher nennen. Mars in den Fischen ist so, im Widder dann ganz anders, die feststehenden Eigenschaften anderer Planeten werden als zusätzliche Umschreibungen oben drauf addiert, aber die Kernaussagen bleiben unverändert bestehen. Woher nimmt Astrologie diese Sicherheit? Warum beschreibt sie Menschen meist eher als Karikatur, so als wären sie aus kosmischem Stein gemeißelt ? Und bezieht sich nur selten auf eine unserer besten Eigenschaften – die Fähigkeit zur Wandlung und Veränderung? Oder liegt es nicht am System Astrologie, sondern an einem grundlegenden Missverständnis derjenigen, die sie benutzen? Darüber, womit das System Astrologie eigentlich arbeitet.

Raum oder Zeit?

Ja – was genau beschreibt das Modell Astrologie eigentlich? Beschreibt es die Aspekte des Raums, also das was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Was sichtbar, hörbar, spürbar und fassbar ist? Die Struktur und Beschaffenheit von Materie zum Beispiel? Oder beschreibt es vorrangig die Entwicklungsphasen dieser Formen innerhalb des Raumes, arbeitet also hauptsächlich mit dem Prinzip der Zeit?

Seit alters her beobachten Menschen die BEWEGUNGEN der Himmelskörper. Ihre unterschiedlichen Stellungen innerhalb eines Jahres und anderer Zeiträume. Gleichzeitig werden analog dazu Ereignisse und das Verhalten einzelner Menschen in Beziehung gesetzt. Und daraus ein scheinbar ursächlicher Zusammenhang konstruiert. Im Ergebnis führt das dann zu den oben beschriebenen Kochbüchern, in denen diese Beobachtungen fest gehalten wurden und werden. Steht der Mond also im Krebs, dann ist man besonders gefühlsempfindlich, steht er im Widder wird man schnell laut und grob. Oder es regnet in Strömen. So funktioniert das eben, in allen empirischen Wissenschaften, wenn Voraussetzung A erfüllt ist, entsteht zwingend Ergebnis B. Daraus wird dann im Laufe der Jahrtausende ein Sammelsurium an Konzepten und man vergisst leicht, dass es sich dabei trotzdem immer nur um eine Augenblicksbeschreibung handelt. Man hat den Zeitfluss einfach eingefroren, und beschreibt ein energetisches Standbild, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

 

Im Zuge dessen muss also fast zwingend der Eindruck entstehen, Astrologie beschreibe deutlich, klar und unmissverständlich, wie sich Etwas in der Wirklichkeit als Ausdruck zeigt. Als Form, als Eigenschaft. Doch leider ergeben sich genau daraus einige Widersprüche, die von Kritikern des Modells immer wieder gerne ins Feld geführt werden. Zu Recht.

Denn würde das astrologische System tatsächlich diesen Anspruch haben, dann müsste es auch im Sinne der modernen Wissenschaften eine Erklärung anbieten, warum die Stellung eines Planeten im Zodiak zu einer blauen Augenfarbe führt, eine andere aber zu einer braunen. Es müsste einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den materiellen Eigenschaften von beispielsweise Saturn und den ihm zugeordneten körperlichen Erscheinungsformen geben. Die Einwände der Skeptiker wären in Teilen also berechtigt.

Man könnte höchstens anführen, dass wir auch heute noch nicht in der Lage sind, die zugrunde liegenden Ursachen zu messen, da es sich dabei um Kräfte handelt, die wir noch nicht entdeckt haben. Mit solch einem Argument lässt sich aber letztendlich alles behaupten, auch dass es die Borg (eine Roboterspezies aus dem STAR TREK Universum) tatsächlich gibt, wir ihnen aber einfach noch nicht begegnet sind.

Ein anderes Beispiel. Würde Astrologie tatsächlich ohne weitere Informationen über den Eigner eines Radix (Geburtshoroskops) Aussagen über dessen Erscheinungsform, körperliche Beschaffenheit und andere, rein äußere Phänomene machen können, dann müsste sie auch in der Lage sein, alleine aus einem Horoskop abzuleiten, ob es sich bei dem Eigner um einen Menschen, ein Tier, ein Ereignis oder ein Ding handelt. Es müsste also Konstellationen oder Himmelskörper geben, die durch ihre Stellung eindeutig aufzeigen, dass es sich dabei nicht um die Inbetriebnahme eines Staubsaugers handelt , sondern um den ersten Schrei eines Menschen. Die gibt es aber nicht. Denn in einem Horoskop tauchen eben immer alle wichtigen Faktoren auf, völlig unabhängig davon, worauf sich dieses Bild bezieht.


Natürlich bietet sich heutzutage an, dann einfach auf die Quantenebene zu wechseln. Vielleicht beschreibt Astrologie ja eine materielle Wirkung, die sich nur auf der Ebene von Quanten und Strings zeigt. Vielleicht beschreibt sie ja die Wirkungen von Dunkler Materie und Energie, aber auch dann gilt immer noch – solange die grundlegenden astrologischen „Werkzeuge“, wie ein Geburtsbild, keine Aussage über die grundlegende Beschaffenheit der dargestellten Objekte machen kann, wie sollte es dann über Details dieser Formen Auskunft geben können?

Anders gefragt - würde man sein Auto einem Mechaniker zur Reparatur anvertrauen, der nicht in der Lage wäre, zwischen unterschiedlichen Automarken zu unterscheiden?. Oder der den Unterschied zwischen einem Fahrrad und einem LKW nicht benennen könnte?

Aber – so könnte man jetzt einwenden, heute beschreiben wir ja hauptsächlich die „inneren Werte“ eines Menschen, seinen Charakter, sein Handeln und das daraus resultierende Verhalten. Aber auch hier gilt dasselbe Argument, ohne entsprechende Information kann ich meine astrologischen Inhalte nicht sinnvoll übertragen. Es sei denn, ich ginge davon aus, dass die emotionale Befindlichkeit eines Regenwurms sich nicht sonderlich von der eines Menschen unterscheidet. Nur sei dann die Frage erlaubt – wenn das Merkur-Prinzip generell für die Fähigkeit steht, eine gewisse Intelligenz zu entwickeln, möchte man den Merkur einer Hausstaubmilbe und eines Menschen wirklich gleichsetzen?

Astrologie scheint also eher mit sehr grundlegenden Prinzipien und Archetypen zu arbeiten. Ohne genaue und zusätzliche Kenntnis, womit wir es zu tun haben, können diese Prinzipien nicht sinnvoll und hilfreich übertragen werden. Das ist der Kernpunkt. Die Beschreibung der materiellen und psychischen Eigenschaften eines „Objekts“ scheint alleine durch die Faktoren in einem Horoskop nicht möglich zu sein. Wir benötigen immer eine entsprechende Hintergrundinformation, um das astrologische Modell sinnvoll zu übertragen. Haben wir aber Kenntnis über die Beschaffenheit und die Lebensumstände unseres „Objekts“, dann können diese Prinzipien sehr wohl übertragen werden. Und es gibt kaum einen Bereich, der davon ausgeschlossen ist. Hier liegt dann wohl die Hauptursache dafür, dass „Außenstehende“ nur noch verwundert mit dem Kopf schütteln. Etwas das nicht in der Lage ist zwischen den Ausdrucksformen von Leben zu unterscheiden, soll aber gleichzeitig auf alles und jeden übertragbar sein?

Ja, darf man den Verunsicherten zu rufen, denn es gibt ja auch im wirklichen Leben ein Prinzip das allem Lebendigen innewohnt – das Prinzip der Wandlung und Veränderung. Das wir verkürzend auch Zeit nennen. Astrologie beschreibt genau diese Wandlungsphasen, die wir in jeder Erscheinungsform, im Größten wie im Kleinsten beobachten können. Der gesamte Zodiak ist eine Landkarte von Veränderungen, er beschreibt sowohl die Eigenheiten der einzelnen Phasen, wie auch ihr Zusammenspiel und die daraus resultierenden Transformationen. Dabei zeigen sich sehr grobe Strukturen und Zyklen, die wir auch in unserer „normalen“ Zeitmessung wieder finden, aber auch sehr feine und flüchtige Intervalle und Rhythmen.

Das Missverständnis, das ich eingangs erwähnt habe, könnte also in einer Verwechslung liegen. Zwischen dem, was sich innerhalb der Zeit als scheinbar beständige Form zeigt und dem Prinzip, dass dieser Zeit selbst inne wohnt. Für eine Beschreibung des ersteren braucht es viel mehr Informationen, als das astrologische Modell zur Verfügung stellt. Im zweiten liegt die Kernkompetenz der Astrologie.

Das stumpfe Schwert

Wenn ich Welt und Leben also nur über feststehende, unveränderliche Eigenschaften beschreibe, dann erschaffe ich dadurch einen Kosmos, in dem alles festgelegt ist. Auch die Zukunft. Und genau das wird der populären Astrologie ja immer wieder zum Vorwurf gemacht. Sie beschreibt Menschen als archetypische Karikaturen, die sich scheinbar nur so verhalten können, wie es den festgelegten Eigenschaften ihres Sternzeichens entspricht. Und haben deshalb auch eine festgelegte Zukunft, der man nicht entrinnen kann. Wer möchte freiwillig in einem solchen Universum leben, wenn man keine ausgeprägte masochistische Neigung hat?

Aber es ist schon schlimm genug, wenn man durch diese Hardcore-Astrologie in einer Weise als Persönlichkeit und empfindungsfähiges Wesen festgelegt wird, die jede wirklich spirituelle und umfassende Weltsicht konterkariert. Wie sollte man denn jemals als Stier die Weisheitsnatur eines Buddhas entwickeln oder erfahren können, wenn man doch im Grunde ein unverbesserlicher Materialist ist? Und zeit seines Lebens bleiben wird.

Man muss das wohl nicht näher ausführen, wer gerne gruselige Geschichten dieser Art mag, holt sich einfach ein paar astrologische Kochbücher und beobachtet an sich selbst, wie schon beim Lesen derselben die eigenen geistigen Grenzen immer enger werden. Damit soll es auch gut sein.

Das scharfe Schwert

Gehen wir einmal davon aus, dass die Bestimmung des ersten eigenen Atemzugs, den die Astrologie als Berechnungsgrundlage für ein Horoskop nimmt, tatsächlich maßgeblich für alle weiteren Entwicklungen eines Menschen ist. Aber eben nicht nur eine Eigenschaft (oder mehrere zusammen gewürfelte) beschreibt, sondern auch den Start- und Ausgangspunkt der eigenen Lebensreise. Die Stellung eines Planeten würde dann eben nicht einfach nur die grundlegende Eigenschaft des damit verbundenen Prinzips beinhalten, sondern vor allem -

den Beginn einer weitreichenden und vielschichtigen Entwicklung.

Der Zodiak besteht bekanntermaßen aus zwölf Abschnitten. Glaubt man, dass es sich hierbei um unabhängige Bereiche handelt, die mehr oder weniger zufällig nebeneinander liegen, dann macht eine dynamische Interpretation wenig Sinn. Sieht man darin aber eine Art Rad des Lebens, eine symbolische Darstellung von Abläufen und Entwicklungen, die jedem Prinzip inne wohnen, dann ändert sich die Gesamtschau und auch das Verständnis über die Positionen einzelner Faktoren in diesem Rad.

Als Ausgangspunkt jeder Entwicklung wird von alters her der Übergang von den letzten Fische-Graden zu den Anfangsgraden des Widders gesehen. Null Grad Widder bezeichnet also so etwas wie einen universellen Startpunkt. Aber ähnlich wie auf den Aschenbahnen der Leichtathletik-Stadien, ist dieser Startpunkt gleichzeitig auch das Ziel. Je nachdem wie lange das Rennen geht, kann er dabei mehrmals überschritten werden und in jeder Runde können andere Läufer das Feld anführen.

Jeder Impuls durchläuft also alle zwölf Phasen, bevor er sich wieder am Anfang der Reise findet. Allerdings dann mit all den Erfahrungen und Veränderungen, die er unterwegs durchlaufen hat ( bildhaft gesprochen ist der Tierkreis also eher eine Spirale). In einem normalen Geburtsbild werden sich aber selten bis nie alle Planeten auf exakt Null Grad Widder befinden, sie sind meist gut verteilt auf mehrere Zeichen des Zodiak. Überträgt man aber das dynamische Prinzip des Großen Kreises auf eine Planetenstellung in einem Radix, dann befindet sich dieser Planet in gewisser Weise immer an seinem Startpunkt, symbolisch also auf seinen, eigenen ersten Widdergraden. Unabhängig davon, vor welchem Zeichenhintergrund er steht.

Wir haben es also mit zwei Zyklen gleichzeitig zu tun, der Stand eines Planeten innerhalb der Zodiakzeichen gibt seine allgemein gültige Wandlungsphase wieder, in den Frühlingszeichen ist dieses Energieprinzip bildhaft gesprochen noch sehr jung, in den Sommer- und Herbstzeichen wird es dann erwachsen, und erreicht gewissermaßen seinen Höhepunkt im Ausdruck. Der dann in den Winterzeichen noch nachreift, aber sich auch schon in bestimmten Auflösungsprozessen befindet.

Gleichzeitig wird der selbe Stand zum Zeitpunkt einer Geburt auch zum Ausgangspunkt einer Entwicklung vor diesem Hintergrund. Nehmen wir an, Merkur würde in einem Radix auf ungefähr 20° Schütze stehen, befindet sich also allgemein betrachtet schon in der neunten Entwicklungsphase, im „Spätherbst“ eines Prozesses. Für den Horoskopeigner stellen diese 20° Schütze aber einen Anfangspunkt dar, dass heißt in allen Bereichen, die mit diesem Prinzip zusammen hängen, stellt die neunte Phase des Zodiak seinen merkurischen Urknall dar. Für ihn als Individuum beginnen alle damit verbundenen Prozesse genau hier.
Damit befindet er sich immer auch in einem speziellen Verhältnis zu der allgemeinen, mundanen Zeitphase, und daran wird sich zeit seines Lebens kaum etwas ändern.

Das wirkliche Leben

Wie zeigt sich das nun im „wirklichen“ Leben? Reduzieren wir das Prinzip Merkur der Einfachheit halber einmal auf den Bereich der Gedanken und Ideen. Das würde bedeuten, dass bei einem Merkurstand von 20° Schütze jeder Gedanke schon dort beginnt, wo er sich im Allgemeinen erst nach dem Durchlaufen von acht anderen Phasen zeigen würde oder sollte. Gedanken sind in diesem Fall immer schon Visionen, haben eine immense Leuchtkraft, ohne dass hierfür besondere Voraussetzungen nötig wären. Es gibt also auch keine Differenzierung, jeder Gedanke trägt diese Energie bereits in sich, ob er nun hilfreich oder völlig sinnlos ist. Das hat ein bisschen was von einem Feuerwerk, es blitzt und leuchtet überall und man weiß oft nicht, wohin man zuerst blicken soll. Kaum war da etwas, von dem man dachte „oh wie großartig“ schon taucht das nächste ideelle Wetterleuchten auf, das noch grandioser wirkt. Solange dieses Feuerwerk anhält. Bis hierin stimmt die astrologische Zuordnung auch mit dem herkömmlichen Ansatz überein.

Aber die Stellung von 20° Schütze hat aus zeitastrologischer Sicht einen Haken, in der gedanklichen Anfangsphase (die sich rechnerisch ja auch über 30° erstreckt), entsteht schon nach relativ kurzer Zeit eine gravierende Veränderung. Das Prinzip Steinbock-Saturn wird wirksam, quasi als Selbstläufer der gedanklichen Entwicklung. Während das Jupiter-Prinzip die Möglichkeiten größter Ausdehnung verkörpert, folgt mit dem Saturn-Prinzip die konsequente Komprimierung des Impulses. Bis er so winzig und klein wird, dass man die übrig bleibende Essenz mit einem Mini-Diamanten vergleichen könnte. Bestenfalls.
Schlimmstenfalls ist es der Tod all dieser großartigen Erscheinungen, ihre Form und Struktur kristallisiert sich unter dem saturnalen Druck mehr und mehr und übrig bleibt oft – nichts. Da meine Gedanken ja keinen Entwicklungsvorlauf hatten, haben sie auch keine wirkliche Erfahrungssubstanz angesammelt, sie sind tatsächlich nur ein flüchtiges Feuerwerk gewesen, dass nach den Abbrennen der Raketen einfach verlöscht.

Nach all der Großartigkeit kann also schnell Ernüchterung kommen. Doch ab und an geschieht es, dass tatsächlich ein Gedanke oder eine Idee diesem saturnalen Druck stand hält und sich zu einer kristallinen Essenz verdichtet, die diesen Prozess überdauert. Dieser Gedankenkristall entwickelt sich dann weiter, wird zum uranischen Wassermann-Prinzip. Seine Essenz spiegelt sich jetzt in vielfältigen fraktalen Strukturen wieder, die immer weitere und neue Impulse erschaffen. Gleichzeitig verliert unser Gedanke aber auch seine letzten, festen Strukturen und landet schließlich in den Fischen, löst sich komplett auf (was bisweilen nicht so richtig prickelnd ist, wenn es um praktische Dinge geht, da die Entwicklung ja immer noch in den Anfangsstadien steckt).
Ist aber in einer merkurischen Idee etwas Substantielles enthalten, das nicht an eine bestimmte Form gebunden ist, wird genau das im nächsten Schritt als Funke der Erneuerung „wiedergeboren“ werden, im nachfolgenden Widder-Prozess. Es geschieht also immer wieder, dass ein Gedanke, der den Übergang von Schütze zu Steinbock „überlebt“ hat, im Wassermann und den Fischen ent-individualisiert wird und trotzdem nicht im neptunischen Nirwana verschwindet.

Wie zeigt sich das für mich als Horoskopeigner im Alltag? Von außen betrachtet, wirke ich in meinen Gedanken oft sprunghaft und wenig beständig. Menschen haben den Eindruck, ich würde jede Idee überbewerten, wenn diese dann aber umgesetzt werden soll (Steinbock), bleibt oft nichts übrig, was für andere und auch für mich selbst fassbar wäre. Aber während sich meine Umgebung schon lange damit abgefunden hat, dass diese Idee niemals konkrete Form annehmen wird, zeigt sie sich für mich plötzlich in einem ganz anderen und neuen Zusammenhang. Der dann (im Widder und Stier Prinzip) doch noch Form annimmt und die restlichen Entwicklungsphasen des Zeitrades durchläuft. Bis er eines schönen Tages wieder an seinem ursprünglichen Entstehungsort landet, dort im Schützen, wo alles angefangen hat. Jetzt bekommt er wiederum einen Jupiter-Boost, um dann im nächsten Entwicklungsschritt (Steinbock-Saturn) als Ausdruck der ihm innewohnenden Essenz in der Welt zu erscheinen.

Um Missverständnissen vorzubeugen – Zeit als messbare Größe ist in dieser Entwicklung ziemlich relativ. Manche Prozesse können Jahre dauern, sie können aber auch in einer einzigen Sekunde stattfinden.

Nun habe ich also einen einzigen Rhythmus bezogen auf sein individuelles Entwicklungspotential oberflächlich und schemenhaft beschrieben. Und dabei festgestellt, dass mein Schütze-Merkur zwar in seiner Grundanlage durchaus den klassischen Beschreibungen entspricht, er aber trotzdem immer auch eine Entwicklung durchläuft, die alle anderen Phasen mit einbezieht. Und so gesehen eben nicht einfach nur ein Schütze-Merkur ist, sondern im Laufe seiner Entwicklung auch die Eigenschaften der restlichen elf Phasen oder Zeichen absorbiert.

Im astrologischen Modell gibt es aber noch zehn weitere Planeten, die ebenfalls ihren eigenen Entwicklungsweg als Anlage in sich tragen, dazu noch die zwölf Häuser und andere Faktoren. All diese Wandlungen geschehen „gleichzeitig“, sind miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig. Die Phasen des einen Prinzips haben immer auch Auswirkungen auf alle anderen. Und so entsteht ein komplexes und äußerst filigranes Netzwerk, dass in seiner Gesamtheit jedes starre Konzept darüber, „wie etwas oder jemand ist“, ad absurdum führt.

Ein anderes Beispiel. Nehmen wir an im selben Radix findet sich ein Mars im Zeichen der Fische. Schon auf den ersten Blick ein kleines Problemkind. Denn Mars ist nun ausgerechnet die Ursprungskraft, der geistige und energetische Willensimpuls, aus dem erst alles weitere entstehen und kann und soll. Wird sein individueller Anfangspunkt aber in Neptuns Reich verlagert, geht es gleichzeitig auch um die Ent - Individualisierung dieses Impulses. Er soll vollständig eingepasst werden in das große Ganze, bevor er im nächsten Schritt als grundlegender Schöpfungsimpuls neu entsteht.

Salopp gesagt – ein klassischer Rohrkrepierer. Wenn man dieses Geburtsbild statisch deuten würde. Jeder Willens- und Handlungsimpuls wird quasi im Moment seiner Entstehung schon wieder aufgelöst. Man macht einen ersten Schritt um von A nach B zu kommen und hat beim zweiten schon vergessen, wo man hin wollte. Zumindest energetisch betrachtet. Dieser Mars ist eigentlich schon „fertig mit seiner Welt“, bevor er sie überhaupt erschaffen hat. Dem Kosmos sei Dank ist aber auch das nicht statisch, es ist eben nur die erste Phase in seiner Entwicklung. Allerdings gilt auch für ihn – nur Impulse, die tatsächlich auch neptunische Wandlungen „überleben“ können, bekommen eine „zweite Chance“, um im Widder-Segment neu zu entstehen. Dann allerdings tatsächlich mit dem ganzen, neptunischen „Back-Up“, das sich in den Fischen gebildet hat. Alles weitere folgt den üblichen Abläufen.

Wir haben jetzt also schon zwei Beispiele, die aufzeigen, welche Deutungsunterschiede sich zwischen einer statisch verstandenen Astrologie und einer dynamisch angelegten zeigen. Hinzu kommt, dass diese beiden Wandlungsprinzipien unterschiedliche Zeiträume für einen vollständigen Entwicklungszyklus benötigen. Während Merkur relativ schnell einzelne Phasen durchläuft, braucht Mars fast dreimal so lange für dieselbe Entwicklung.

Hochgerechnet auf alle anderen Prinzipien in einem Geburtsbild, kann man sich leicht ausmalen, wie viele verschiedene Zeitgeschwindigkeiten innerhalb unseres Zeitsinns existieren. Das erklärt dann vielleicht, warum für uns manchmal eine Sekunde zur Ewigkeit werden kann, andererseits aber Stunden wie Minuten vergehen können. Nicht etwa, weil die Zeit unterschiedlich schnell verläuft, sondern weil unser Zeitbewusstsein einfach zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her wechselt. Zum Beispiel von Merkur zu Mars und umgekehrt.

Bis hierhin ist das Ganze trotz allem noch halbwegs überschaubar, denn wo wir uns in unserer Entwicklung gerade befinden, lässt sich ja leicht feststellen. Man muss lediglich die augenblickliche Position des betreffenden Planeten in Beziehung zum eigenen Radixstand stellen und schon hat man die entsprechende Phase bildhaft verdeutlicht. Steht er als Transit sozusagen in Opposition zu seinem angelegten Ausgangspunkt im Schützen, dann befindet sich der Merkurimpuls also gerade auf dem Weg in den siebten Wandlungsabschnitt, den wir mit dem Prinzip der Waage verbinden. Obwohl er mundan betrachtet im Zeichen Zwilling steht. Die spezielle Phasenhaftigkeit jedes Prinzips zeigt sich also einfach in den entsprechenden Transiten.

Trotzdem zeigt sich auch schon jetzt, wie komplex alleine das Zusammenwirken dieser einfachen und synchronen Zyklen ist. Denn durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der einzelnen Planeten, befinden diese sich ja selten bis nie in gleichen Entwicklungsstadien. In irgendeinem Bereich beginnt gerade etwas, während woanders etwas abgeschlossen wird und seine Form in neptunischen Walgesängen verliert. Ob und wie wir das erleben, hängt hauptsächlich von unserem inneren Fokus ab. Eine Aussage über die Zukunft eines Menschen, die diese Möglichkeiten ausschließt, kann also nur falsch in dem Sinne sein, dass sie allenfalls einen oder bestenfalls zwei dieser Zyklen berücksichtigt, aber niemals alle.

Denn sonst würde sich immer zeigen, dass inmitten des größten Unglücks auch irgendwo die Möglichkeit existiert, sich jupiterhaft am eigenen Schopf aus einer niederdrückenden Empfindungen zu ziehen. Nicht in dem man etwas zum eigenen Leben hinzu dichtet, sondern den Blick auf die Bereiche und Prinzipien lenkt, die sich tatsächlich auch in einer entsprechenden Phase mit all ihren Auswirkungen befinden. Und begreift man außer den Planeten auch noch die Häuserachsen und – spitzen als dynamische Elemente, dann zeigt sich schnell (bedingt durch deren schnelle Wandlungsphasen), dass es auch in den dunkelsten Momenten ein energetisches Licht am Ende des Tunnels geben muss. Je mehr man sich selbst in der Wahrnehmung dieser feinen und subtilen Prozesse übt, desto leichter wird man auch in schwierigen Situationen die Fokussierung auf erstarrte Konzepte aufgeben können.

Das mag nun für manche „Kopffüssler“ die schlechte Nachricht sein – allein das theoretische Wissen um diese Zeitqualitäten führt nicht automatisch zu Glück und Zufriedenheit. Dazu gehören immer auch nicht-astrologische Einsichten und Fähigkeiten. Vor allem aber die Bereitschaft, nicht aus jeder Erfahrung und Wahrnehmung ein unveränderliches Prinzip zu erschaffen. Aus dem dann Konzepte und Glaubenssysteme werden, die dort ewige Beständigkeit vorgaukeln, wo es keine gibt.

Asynchrone Zeitphasen

Asynchron könnte man alle Wandlungsphasen nennen, die sich aus den Aspekten der Planeten untereinander ergeben. In jedem Geburtsbild finden sich ja Verhältnismäßigkeiten zwischen den einzelnen Faktoren. Manche davon bezeichnen wir als Aspekte wie Konjunktion, Opposition usw. Aber im Prinzip ist jeder „Abstand“ zwischen zwei Planeten ein Aspekt. Und wenn wir in dieses Leben als Individuum starten, dann sind diese besonderen Abstände eben auch ein Teil unseres Zeit- und Wandlungssinns.

Wenn in einem Geburtsbild also Mars in den Fischen und Merkur im Schützen steht, dann sind sie vielleicht 80° voneinander entfernt. Diese Verhältnismäßigkeit zwischen zwei Prinzipien, die ja im Leben immer auch zusammen wirken müssen, ist ebenfalls prägend. Man könnte dies am einfachsten mit den Mondphasen vergleichen, allerdings startet die Phasenhaftigkeit zwischen Merkur und Mars in diesem Fall nicht bei Neu-Mars oder Neu-Merkur, also der Konjunktion beider Prinzipien, sondern der Abstand zwischen beiden beschreibt ihre gemeinsame Schnittmenge, ihren gemeinsamen Zyklus als Ausgangspunkt für alle Bereiche, in der beide unmittelbar zusammenwirken. Und erst wenn sich dieser Abstand aufs Neue bildet, ist ein Zyklus abgeschlossen.

Im Falle dieser beiden geschieht das einmal jährlich, da Merkur im Durchschnitt nicht länger als ein Jahr für einen kompletten Zodiak – Durchlauf benötigt. Was aber selbst im Laufe eines langen Lebens äußert selten vorkommt, ist eine Phase, in der beide wieder genau dieselben Grade in den selben Zeichen eingenommen haben. Selbst eine Zeichengleichheit geschieht vielleicht nur drei- bis viermal in einem Leben, eine gleichzeitige Gradübereinstimmung mit den ursprünglichen Radixständen fast nie. Das aber erst wäre ein vollkommener Zyklenabschluss, diese Momente zeichnen sich immer durch nachhaltige Erfahrungen aus, die oft erst sehr viel später ihre eigentliche Bedeutung offenbaren.

Erweitert man das Prinzip der asynchronen Phasen jetzt auf alle Radix-Elemente, dann greift der Verstand nur noch ins „Leere“. Diese Form der Komplexität und Vernetzung ist auch mit mathematischen Spitzfindigkeiten nicht mehr in rational-nachvollziehbare Formeln zu übersetzen, Mathematik kommt schon beim sogenannten „Dreikörper-Problem“ an ihre Grenzen. Vielleicht ist das der Grund, warum kluge Menschen im Laufe der Jahrtausende dieses tiefgründige Wissen in einfache Bilder übersetzt haben. Damit zumindest für uns Normalsterbliche noch ein gewisse Annäherung an das Phänomen der Zeit möglich ist.

Zu guter Letzt

Schon die Vielfalt an Entwicklungen, die in jedem von uns fortwährend und gleichzeitig geschehen, zeichnet ein völlig anderes Menschenbild, als uns die astrologischen Schnellrezepte in den jeweiligen Kochbüchern glauben machen wollen. Aber nun lebt der Mensch ja nicht alleine auf diesem Planeten. Und teilt mit den vielen Anderen zwar grundlegend dieselben Anlagen und Talente, aber eben nicht dieselbe Dynamik innerhalb der eigenen Entwicklung. Da nun aber jeder Mensch ein vollkommener Ausdruck dieser, seiner energetischen Wandlungsprinzipien ist, hat er oder sie natürlich auch eine entsprechende Wirkung , insbesondere auf andere Menschen, denen er auf seiner Lebensreise begegnet.

Ich und Du und Wir und Sie sind immer Ausdruck unserer zyklenhaften Merkur-, Venus-, Mond -und Sonne-Prinzipien, je nachdem wie sie durch uns lebendig werden. Und so kommt zu alle dem, was uns als Einzelne im wahrsten Sinne bewegt, auch noch all das Bewegende der Anderen hinzu. Verbindet sich im Sinne eines Resonanzprinzips und erzeugt zusätzliche neue Wellen in den Flüssen der Zeit. Erschafft andere Welten, die noch erstaunlicher sind und weitaus mehr als nur die Summe ihrer Teile.

Aber wer die astrologische Sprache und ihre Bilder verstehen und lieben gelernt hat, wird auch das in einer Methode oder einem spezifischen Chart wieder finden. Und dadurch inmitten dieser unfassbaren Komplexität und Lebendigkeit immer auch Orientierung, Anleitung, Rat und Hilfestellung bekommen. Aber eben nur dann, wenn man das astrologische Modell als Ausdruck von Entwicklung begreift und nicht als eine Ansammlung von unbeweglichen Konzepten. Dann erst zeigt sich seine filigrane Schönheit und umfassende Anwendbarkeit. Und sollte man sich „hin und wieder“ im scheinbaren Gewirr der Resonanzen und Veränderungen, der Gedanken und Empfindungen, der Vorstellungen und Konzepte verlieren, dann kann der astrologische Blick ins eigene, zeitbewegte Lebensrad wieder ein Weckruf werden, der einen daran erinnert, was letztendlich wirklich wichtig ist.

Aus all den verwobenen Traumwelten von Zeit und Raum aufzuwachen ins Jetzt, ins Hier, in diese innerste Mitte von Allem.

Dort wo selbst der lange Atem der Zeit zur Ruhe kommt.

Die Loop! Serie „Astro-Logics“ richtet sich vor allem an Menschen, die sich dem Thema Astrologie auf eine neue Art und Weise nähern wollen. Aus diesem Grund werden darin unter anderem astrologische Basics erklärt, die vielen Lesern höchstwahrscheinlich schon geläufig sind. Dabei geht es aber weniger um die Wiederholung von Erklärungen, die man in jedem Standardwerk über Astrologie nachlesen kann, sondern um neue Perspektiven, Herangehensweisen und Denkanstöße.

Hier gehts zu den anderen Teilen von Astro-Logics:

Astro-Logics: Zeit und Raum
Astro-Logics II: Was ist Zeit?
Astro-Logics III: Venusjahre
Astro-Logics IV: Es leuchtet
Astro-Logics V: Woher kommt die Zeit?
Astro-Logics VI: Bilderwelten
Astro-Logics VII: Panta rhei
Astro-Logics IX: Der Kreis und das Ganze
Astro-Logics X: Zeitströme (1)

Bilder: Titelbild - Loop! Collage; Wendeltreppe – sokran via Flickr (Creative Commons); stars – The Dream Sky via Flickr; Oktoberfest – Digital Cat via Flickr; Zeitgang – Manuela de Pratis via Flickr

  • Keine Kommentare gefunden
Bitte erst einloggen, um die Kommentarfunktion freizuschalten.