Nuit Debout - wach bleiben!
Für Menschen, die noch im Gestern leben, ist heute der 14. April. Für alle anderen ist es der 45. März oder verständlicher ausgedrückt: 15 Tage nach dem sich am 31. März 2016 zum ersten Mal eine Bewegung formiert hat, die so ganz anders ist, als die Dresdener Spaziergänger von Pegida und Co. „Nuit debout“ nennt sich das Phänomen, dass mittlerweile ganz Frankreich umfasst und jetzt auch Belgien erreicht hat. Ausgerechnet in den beiden Staaten, die am meisten unter den letzten Terrorattacken leiden mussten, treffen sich Nacht für Nacht auf öffentlichen Plätzen vor allem junge Menschen, um neue Visionen für eine neue Zukunft zu entwickeln. „Nuit debout“ bedeutet frei übersetzt so viel wie die „Aufrechten der Nacht“ oder einfach nur „Schlaflos“.
Die Anfänge der Bewegung werden mit einem Treffen am 23. Februar in Verbindung gebracht, dass unter der Federführung des Gründers des linken Magazins Fakir, Francois Ruffin, und unter einer Mond-Jupiter Konjunktion statt fand. Auf diesem Meeting entstand spontan die Idee, nach den großen Demonstrationen am 31.März einfach nicht nach Hause zu gehen, sondern sich am Place de la Republique zu treffen. Das tat man dann auch, ohne irgend einen konkreten Plan oder ein klar definiertes Ziel. Schließlich bildeten sich kleinere Gruppen unter den ersten hundert Teilnehmern, die über verschiedene Themen diskutierten, um am Ende einer solchen Diskussion darüber abzustimmen, welche der vorgestellten Ideen am meisten Zuspruch fand.
Dieses Prinzip wurde bis heute beibehalten – „Nuit debout“ hat keine Strukturen, keine Hierarchien, keine Anführer. Die Bewegung lebt von den spontanen Eingebungen der Teilnehmer und von dem Engagement, dass jeder Einzelne einbringt. Ganz im Sinne Neptuns, der im Moment den Zeitgeist besonders prägt, geben die Teilnehmer von Nuit debout nicht vor, schon für alle Probleme eine Lösung zu haben.
Aber man weiß um das, was nicht richtig ist und möchte nicht mehr einfach nur stumm zusehen, wie die Welt sich mehr und mehr in eine falsche Richtung bewegt. Das mag auf den ersten Blick alles noch etwas naiv und weltfremd klingen. Ist aber weitaus sympathischer als das verlogene Gehabe der aktuellen, rechten Protestbewegungen, die das Heil der Zukunft ja nur mit Methoden aus der Vergangenheit erreichen wollen, die allesamt schon versagt haben und in keinster Weise geeignet sind, die neuen Herausforderungen unserer Zeit auch nur annähernd zu bewältigen.
Mittlerweile gibt es auch schon bei uns erste Ansätze, in Berlin trafen sich unter der Überschrift „Wach bleiben“ schon zweimal Sympathisanten der Bewegung, das nächste Treffen findet am Samstag statt (Link zur Facebook-Seite).Natürlich ist es noch viel zu früh, um diesem neuen Zeitgeist-Pflänzchen schon eine strahlende Zukunft zu prophezeien. Aber darum scheint es auch nicht zu gehen.
Ich bin zuversichtlich dass diese Bewegung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Und selbst wenn all das nicht unmittelbare und direkte Auswirkungen haben sollte, wird es in den Köpfen der Menschen einen wichtigen Eindruck hinterlassen.
Elie, Student aus Mons, Belgien
In diesem Sinne darf man gespannt sein, wie sich Nuit debout weiter entwickeln wird.