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Astro-Labor

Pioniere (II): Der verrückte Paracelsus

Die Weisheit vom Lauf der Gestirne ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Auf wessen Schultern stehen wir also eigentlich als moderne Freunde einer sehr alten Wissenschaft? Der Beginn der Neuzeit markiert ja nicht nur das Fundament der Naturwissenschaft, sondern auch das der modernen Astrologie. Obwohl die Wurzeln der Sternenkunde über mehrere Jahrtausende zurückreichen, wurden die entscheidenden Weichen einer heute individual-psychologischen Ausrichtung in der Renaissance gestellt, vor dem Aufkommen des sogenannten Rationalismus.

Herausragende Marksteine auf dem Weg der astro-psychologischen Theorienbildung waren die Persönlichkeiten von Ficino, Paracelsus und Kepler. Loop! veröffentlicht in lockerer Folge eine Serie des bekannten Astrologen, Autors und Psychologen RICHARD VETTER über das Leben dieser Sternen-Pioniere. Die Original-Texte und viele Hintergründe als inhaltliche, astrologische Tools sind auf seinem umfangreichen Blog ASTROINFO zu lesen.

An historischen Fakten ist über Theophrastus Bombastus von Hohenheim (ca. 1493 bis 1541) wenig bekannt. Er war eine schillernde Figur, dem legendären Faust nicht unähnlich; d.h. wie dieser war er gefürchtet und berüchtigt, verrufen und angefeindet - trotz oder vielleicht gerade wegen seiner spektakulären Heilerfolge. Als unsteter Wanderarzt reiste er quer durch Europa, schrieb dabei ständig an medizinischen, philosophischen, astrologischen und theologischen Manuskripten, und hinterließ schließlich ein gewaltiges Schrifttum. Er gilt zu Recht als "Lutherus medicorum" (Luther der Medizin), nicht nur seiner provokanten, bäuerlich-derben Sprache wegen: an der Universität Basel hielt er als erster und unerhörter weise Vorlesungen auf Deutsch (statt in Latein), verbrannte sogar öffentlich Lehrbücher der damals anerkannten medizinischen Autoritäten.

In seiner Forschung setzte er auf die "experienz" (praktische Erfahrung), auf Empirie (Beobachtung) anstelle von Bücherwissen oder scholastischer Spekulation. Dabei war ihm der untersuchte Stoff kein toter Gegenstand wie heutzutage. Aus seiner Sicht wohnte den Dingen vielmehr ein inneres Licht (lumen naturae) inne; im Stoff stecke Weisheit, existiere eine instinktive Wahrheit, welche sich durch einen Prozess der Auseinandersetzung und Beschäftigung damit herausdestillieren lasse. Magie war für ihn die natürliche Wissenschaft schlechthin; Naturerkenntnis beruhte auf der inneren (nicht bloß einer äußeren) Erfassung des Objekts, bedurfte einer wesenhaften Identifikation bzw. intuitiven Kommunion mit dem Gegenstand. Als Renaissancemagier verstand er "Wissenschaft" nicht im intellektuellen Sinne; Erkenntnis war ihm auch existenzielles Ereignis (d.h. verbunden mit dem ganzen Sein) - und nicht vorstellbar ohne Selbsterkenntnis.

Er war Wegbereiter der naturwissenschaftlichen Mikrochemie, der Antisepsis/ Wundbehandlung und der Klassifikation von Krankheitstypen, d.h. Pionier der heutigen Schulmedizin. Zugleich war er aber auch ein nicht wegzudenkender Pionier der Naturheilkunde und Homöopathie. Er befand sich historisch noch vor der Weggabelung von Geistes- und Naturwissenschaften. Astrologie spielte für ihn eine Schlüsselrolle, galt ihm als Königin der Wissenschaften schlechthin: das "Licht der Natur" entstamme ursprünglich dem Gestirn; und "ohne die astronomia mag kein kunst wol volendet werden."

Der Astralleib

Das Wesen einer Arznei sah Paracelsus im Siderischen (d.h. in den Sternenkräften) begründet. Grundsätzlich erkranke der Mensch am Gestirn und werde ebenso geheilt durch das Gestirn. Krankheit verstand er als eine körperlich gewordene "böse Idee". Diese somatisiere sich über die Seele (der Mittlerin zwischen Körper und Geist), über deren Sündigwerden bzw. negativer imaginatio (Vorstellungskraft) und Suggestion (Einbildungskraft). Umgekehrt ließ sich durch die Seelenkräfte von Imagination und Phantasie aber auch Heilung erreichen. Der entscheidende Zweck einer Krankheit sei die Selbsterkenntnis. Und der Mensch erkenne sich selbst, jedenfalls seinen "Seelenkörper", am besten mithilfe der Astrologie: "Die seel ist das subiectum der astronomei, der Leib nit, der leib wird aber geregit von der seel."
Immer wieder sprach er von einem (feinstofflichen) "siderischen" Leib des Menschen. Dieser sei der Träger der tierischen Leidenschaften und morphologisch um unser eigentliches Wesen - die göttliche Seele - herum gewebt, bilde also eine Art Seelenhülle. Der Astralleib benötige keinen Schlaf und sei fühlbar u.a. im Traum; er sei instinkt- und triebhaft, gebildet aus dem Stoff der Emotionen und entspreche als inneres Firmament dem äußeren. So würden die Planeten und ihre Kräfte als psychische Organe auch im Individuum wirken: "Im Menschen nämlich sind Sonne und Mond und alle Planeten..."

Anthropologisch unterschied er eine Hierarchie dreier Ebenen: den elementisch-stofflichen Leib, den siderischen "Hauchleib" und den ewigen "Lichtleib". Sündigen könne nur die mittlere (siderische) Ebene, nicht jedoch der physische Körper. Die oberste Ebene entspricht etwa dem umfassenden Selbst C.G. Jungs bzw. ist Ebenbild des Göttlich-Geistigen. In makrokosmischer Analogie sieht Paracelsus Gott, den obersten Lenker und höchsten Beweger, als über den Sternen befindlich: "Gott der Allmächtige leitet das Gestirn". Entsprechend regiert im Mikrokosmos das Selbst bzw. der Weise (der sich selbst Erkennende) die Sterne; nur der Triebhafte sei den Astralenergien unterworfen.

Anstöße gab Paracelsus auch auf dem Gebiet der Psychologie. So identifizierte er in seiner Seelenkunde die Inhalte der Psyche unmissverständlich mit astralen bzw. astrologischen Energien. Die von ihm beschriebene strukturelle Entsprechung von Innen und Außen bildet praktisch die Grundlage der psychoanalytischen Projektionstheorie. Und von Magiern und Alchemisten wie ihm oder Agrippa von Nettesheim durchgeführte Operationen mit dem in die Materie projizierten Seelenstoff nahmen Rituale und Prozesse der heutigen Psychotherapie vorweg (vgl. Müller).
Mikrokosmos und Makrokosmos

Schon der Cusaner (Nicolaus Kues) hatte das Verhältnis zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos als Parallelität betrachtet - d.h. nicht mehr wie früher als bloße Abhängigkeit zwischen dem "Oben" und dem "Unten". Paracelsus formulierte nun den Zusammenhang absolut bzw. ganzheitlich: "Es gibt nichts im Himmel noch auf Erden, was nicht auch im Menschen sei." Er unterschied einen äußeren und einen inneren Himmel und erweiterte so - als Empiriker und Analytiker - die traditionell vertikale Lehre des Mikro- und Makrokosmos um eine horizontale Dimension: "Alles was außen ist, ist auch innen". In seiner Heilkunde führte diese Betrachtungsweise zur sog. Signaturenlehre - nämlich von Aussehen und Gestalt einer Pflanze auf ihre Heilwirkung bei einem ihr strukturell bzw. morphologisch "ähnlichen" Körperorgan zu schließen. So wirkt etwa der fein behaarte und hohlstengelige Huflattich auf die Bronchien, die reich gefurchte Walnuss auf die Denkprozesse des Gehirns...

Ganz Humanist, verlieh Paracelsus der menschlichen Individualität und Freiheit klare Priorität: "Eher artet Mars dem Menschen, als der Mensch Mars nach. Denn der Mensch ist mehr als Mars und andere Planeten." Und er wagte sogar den Satz: "Die Gestirne im Menschen regieren die Gestirne am Himmel..." Zur Frage der Verursachung äußert er dezidiert: "Der äußere Himmel ist ein Uhrzeiger des inneren" - was schon sehr nach der Synchronizitätstheorie Jungs klingt. "Die (physischen) Astra ... sind bloß Zeitsignale oder das Vorbild ... des inneren Firmaments. Sie gewaltigen gar nichts in uns, sie eynbilden nichts; sie sind frey für sich selbst und wir frey für uns."

Doch sieht er (in neoplatonischer Tradition) im ideellen Himmel, d.h. in den metaphysischen Astra, das jeweilige (Vor-)Bild für eine spezifische Materialisation oder seelische Konstitution. Dort liege der zu differenzierende, sich individuierende "Samen" jeder Schöpfung. Wesen und Ursprung alles Geschaffenen seien im Geist zu finden; jeder stofflichen Realisation gehe eine Idee oder ein Plan voraus. Somit liegen allem Physischen abstrakte Grundschemata bzw. (mütterliche) "Matrizen" zugrunde, welche gewissermaßen als Urgründe des Seins die Dinge der Welt gebären und nähren - und in dieser Funktion Jungs Archetypen (strukturellen Konstanten des Unbewussten) durchaus vergleichbar sind. An anderer Stelle spricht Paracelsus aber auch von den (väterlichen) "Archai", womit er personifizierte Formbildekräfte meint, die die Manifestationen des Geistes organisieren - und konzeptionell zurückgehen auf die gnostischen Archonten (Welt- oder Erdschöpfer).

Teil 1 der Serie findet sich hier: Pioniere: Ficinos beseelter Kosmos

Weitere Artikel von Richard Vetter (unter anderem eine interessante Kurz-Beschreibung der Tierkreiszeichen) finden Sie auf seinem Blog ASTROINFO.

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