Grönemeyer: Sterne im Gewühl
„Liegen meine Sterne im Gewühl,
fangen die Tage an mit mir zu streiten…“
Herbert Grönemeyer, Morgen (2014)
Als wärs ein Stück von Johannes Kepler, dieser kleine Halbsatz aus dem neuen Album von Herbert Grönemeyer. Das heißt „Dauernd Jetzt“, erscheint am Freitag und ist Herberts 14. Studioalbum seit 1979 das erste mit dem aussagekräftigen Titel „Grönemeyer“ erschien.
Das alles wäre aber auch nur eine Randnotiz wert, ohne den Menschen Grönemeyer und das dazu gehörige Chart. Denn es ist wohl keine Frage, Herbert ist einer der letzten großen deutschen Popstars, einer von denen, die vor mehr als 35 Jahren den Mut hatten, deutsche Texte aus der Schlagerecke zu holen. Damals als jeder lieber Englisch sang, wenn er nicht gerade ein Liedermacher oder Politbarde aus der DDR war.
Heraus kamen dabei auch Peinlichkeiten wie: „Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar, Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar.“ Die aber auch heute noch fröhlich mitgesungen werden, wenn „Gröhlemeyer“ wieder mal auf Tournee geht. Man könnte ja viel spekulieren über ihn, was ist echt, was nur Show? Wenn man sein Geburtsbild nicht kennen würde. Das aber zeigt ziemlich deutlich, dass hier alles zusammen passt, auch und gerade da, wo das Eckige nicht ins Runde geht und umgekehrt.
Denn mal abgesehen von der Widder-Sonne im vermuteten Haus Sieben (es gibt zwei voneinander abweichende Geburtszeit-Angaben, ich bevorzuge die Zeit aus den Taeger-Archiven), die es ja sowieso nicht leicht mit sich und der Umwelt hat, wenn das noch eingebunden wird in ein großes Quadrat aus Sonne, Merkur, Mars, Neptun und Uranus, dann kann aus all dem ja nur ein Querdenker und –kopf entstehen, der erst mal in keine Schublade passt. Denker und Kopf ist dann hauptsächlich Merkur, der sich unbedingt ausdrücken muss, um diese Daueranspannung in Bahnen zu lenken und zu leiten, die nicht destruktiv sind. „Männer rauchen Pfeife, sind furchtbar schlau, bauen Raketen und machen alles ganz genau.“
So geht das dann eben mit einem Widder-Merkur im Quadrat zum eigenen Herrscher im Steinbock. Alles sehr rudimentär und aufs Wesentliche zurecht gestutzt. Aber immer mit dem Hauch des Unverständlichen, bei manchen Textstellen kann man wochenlang darüber nachgrübeln, ob es sich um innigste Poesie oder einfach nur schlechtes Deutsch handelt (Neptun-Opposition).
Und dann natürlich der Interpret selbst, der Sänger, der anfangs von den Radiostationen nicht gespielt wurde, weil sein „Geknödel“ damals nicht als Kunst, sondern nur als schlecht gesungen galt. Heute ist das sein Markenzeichen, und man kann nur froh sein, dass Grönemeyer sich zumindest hier nie am Mainstream orientiert hat, auch wenn er wie wir alle älter und ein bißchen leiser geworden ist.
Aber selbst in den neuen Stücken spürt man immer noch das Gelebte eines Herbert Grönemeyer, stecken da immer noch genügend Erfahrungen, die in quadratische Bilder gepackt und mit dem für ihn so typischen sehnsuchtsvollen Hauch ausgestattet wurden. Denn gelebt muss solch ein großes Quadrat immer werden und man kann noch so viel davon transformieren, manches zeigt sich trotzdem hart und ungeschönt im Leben. So wie im November 1998, als innerhalb von vier Tagen erst sein Bruder und dann seine Frau Anna sterben. Neptun steht auf 29° Steinbock, Saturn im Quadrat dazu auf 29° Widder und alles in Grönemeyers großem Bilderverbund wird gleichzeitig von den damit verbundenen, archetypischen Inhalten durchdrungen. Wenn er heute von Schmerz und Vergänglichkeit schreibt, dann weiß er, was gemeint ist.
Genau das macht Künstler wie Herbert Grönemeyer am Ende für alle anderen so wertvoll – wenn sie ihre Erfahrungen in Worte, Klänge oder Bilder packen können, die uns einerseits Wahrheit schenken und andererseits Trost und Hoffnung. Und uns so an einer ihrer speziellen Perspektive teilhaben lassen, die unsere eigene Sicht erweitert und bereichert.
Titelbild (bearbeitet, Loop-Collage): By Siebbi (Herbert Grönemeyer) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons