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Ein guter Grund, das Leiden zu lieben

0000leid108„Wir werden durch Werbung irregeführt, wo Menschen in Outfits, die zu ihren Meditationskissen passen, selig aussehen.“ (Pema Chödrön, via Lions Roar).

Wir haben sie alle, aber wir wissen nicht, wie es sich für andere anfühlt: Schmerz und Schmerzen. Etwas, was gerade in diesem "untröstlichen" Jahr des Saturn-Chiron-Quadrats (heute um 22.55 h treffen sich die beiden im Clinch endlich letztmalig) auch für viele chronische Positiv-Denker unabweisbar war. Ein Leid, das wir besonders mit eigenen intensiven Horoskop-Kontakten von Chiron zu Saturn, Pluto oder Neptun stark mit-fühlen können.

Leid und Leiden aber sind ja Teile des Lebens, allgegenwärtig, immer. Sie werden auch nicht nur da auftreten, wo astrologische Trigger sich zu bestimmten Zeiten häufen. Alles, was nicht glatt läuft (Saturn), war, ist und bleibt im Kopf ein ewiges Hindernis. Wobei es aber wie in diesen Phasen jetzt, mit Fische-Chiron, schlimmer wehtun kann als sonst. Denn wir sind durchlässiger denn je. Leid ist daher auch immer eine Chance zum Wachsen. Eine Brücke zu anderen, aber genauso oft auch trennend und schwierig. Weil einen Schmerz meist ins Subjektive treibt. Man weiß zwar sehr gut, dass es auch anderen genauso schlecht gehen könnte. Aber letztlich ist Weh zwar mitteilbar, aber nicht richtig teilbar.

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Bei Saturn-Chiron ist es besonders gut zu merken: Alles, was wehtut, verengt den Fokus zuerst auf "meinen Schmerz". Im Zodiak sind die Schlüssel zum Leidens-Kreislauf ganz "natürlich" Anfang und Ende - das letzte und erste Zeichen: Fische geht nach Widder über, Vergänglichkeit ins Leben und umgekehrt.

Das schmerzt beides. Da wären wir also, jeder mit einem Schmerzkörper, der im Mars-Neptun steckt. Mars (etwas verletzt mich, das anders will als ich - aber gern auch die Selbstverwundung), der Antrieb als Spiegel des Gewährenlassens, des Erlebens im Neptun jenseits der kosmischen Spalte: Wo Täter, da auch Opfer. Wo Tun, da Lassen. Und wer nie geübt hat, im Leid, das wir ja täglich im Mauern des Lebens gegen das Ego feststellen, Mitgefühl zu entwickeln, verpasst vielleicht die größte Chance zu reifen. Auch die Splendid Isolation der verbissenen Selbstverbesserung ist da keine große Hilfe. Weil man sich auch damit leicht von anderen abtrennt - und dann gerät man leicht in die Fallen des spirituellen Materialismus, der das Paradies sucht:

"Wir können denken, dass es bei Meditation und dem spirituellen Weg darum ginge, die Schwierigkeiten deines Lebens zu überwinden und diesen einfach nur tollen Ort zu finden. Aber das hilft dir nicht sehr, denn das bringt dich bloß dazu, ständig enttäuscht von dem zu sein, was den ganzen Tag lang beim Frühstück, Mittag- und Abendessen passiert." (Pema Chödrön, via Lions Roar)

In einem Wort: Leid. Es ist überall und entsteht aus dem Nicht-Haben, Lieber-Wollen, Verloren-Geben, Ablehnen, Wünschen und vielen GEDANKEN besonders häufig und sicher. Minute um Minute, während durch unsere gut gemeinten, weißen Träume mit ihren Klischees von Liebe und Licht das Bestehen auf Glück problematischer, weil dogmatischer wird. Weshalb einem die Abwesenheit des inneren oder äußeren Reichtums noch schmerzlicher auffällt. Nein, das Leben ist kein Ponyhof, auch wenn sich Venus mit ihren glänzenden Bildchen von Sicherheit (Stier) und Liebe (Waage) die Einhörner zurück wünscht. Ihre Visionen gehen mit Jupiter lieber ans Licht als in die innere Dunkelheit. Ein Gegenpart zur dominanten Saturn-Chiron-Phase. Jener Untröstlichkeit, die uns das Untröstliche des Daseins wunderbar vor Augen führte. Wir alle empfinden Schmerz und rasen durchs Feld gedachter Defizite, wo wir Abwesenheit dauerhaften Glücks zum unnatürlichen Mangel erklären. In Wahrheit ist es so: Du bist wie ich. Wenn ich dich tröste, tröste ich uns beide.

Aber Venus und Jupiter sind stark in ihren Wünschen, gerade während Saturn-Chiron. Darin ähneln sie dem destruktiven, verdrängenden Anteil der vielen, unerfüllten Fische-Träume. Neptunisches ist aber vor und nach dieser irdischen Zeit, nicht darin. Vielleicht parallel, im Absoluten, aber hier immer nur ahnungsweise erlebbar. Im Tun für andere, mit denen wir uns verbinden, weil ihr Leid uns durchfließt. Der Rest ist Sehnsucht, Talmi, Lippenbekenntnis. Ausflucht des 2., 7. und 9. Prinzips, die vorschlagen: Wieso malst du dir nicht einfach die Welt glücklich? Dann wird alles gut, und wo es nicht gut ist, kann es noch nicht das Ende sein (denn Leid fühlt sich so furchtbar falsch an!). Aber Leid IST.

satchir1Solange wir uns im Positivismus-Wahn aufhalten, wird leider oft gar nichts gut, sondern nur noch einen Zacken aggressiver. Wir kämpfen dann um das Gute, Schöne, Wahre, das sein SOLLTE, wie es nicht ist. Dann fangen wir auch an, uns die menschlichen, eindeutig ebenso wahr dunklen wie hellen Seiten der Welt (wenn man denn dualistisch unterwegs ist) „richtig“ zu denken. Im puren Traum von Feuer-Luft entwickeln sich aber häufig die Dinge immer stressiger. Spätestens, wenn wir Transite haben, die mit unserem Wunsch nach Leichtigkeit kollidieren. Da spaziert also irgendwann ein Pluto auch über mein Horoskop, oder ein Saturn-Chiron-Quadrat zeigt, wie jetzt, heute und hier in der letzten von drei Begegnungen mundan an: Diese Welt braucht eben auch ein gesteigertes Bewusstsein für die Normalität ihrer Schmerzen. Und manchmal entsteht ein besseres Empfinden fafür nur, indem man sich selbst als genauso wenig erleuchtet wahrnimmt, wie man ist. Statt sich auch noch zu bestrafen dafür, spirituell nicht schon viel, viel weiter zu sein - wie die Schönen, Wahren, Guten auf ihren schicken Yoga-Matten, hübschen Meditations-Kissen oder in den teuren Perfektions-Kursen. 

Oft lernt man am besten in der eigenen Verzweiflung die eigene Verzweiflung zu würdigen. Nach und nach, gerade in Phasen des Leides, die man sanft und behutsam und geduldig mit sich selbst erträgt, weil sie einfach SIND. Und nicht EINFACH sind. Wie ertrage ich es, mich als ganz normales, wütendes, fehlerhaftes, bequemes, selbst- und sehnsüchtiges Wesen zu betrachten? Mich genau so zu lieben - statt erst dann, wenn ich bis in die letzte Zelle verbessert und weichgezeichnet bin? Denn nur da, wo uns das in und mit uns selbst gelingt, wird es leichter werden, andere in ihrer manchmal unerträglichen Fehlerhaftigkeit, mit ihren Schmerzen, Defiziten und Dunkelheiten zu lieben, wie es jeder verdient hat.

Auch das lehrt Saturn-Chiron, dem man sich besser nicht mit zu großer Härte nähert, weil man den Schmerz aus der Welt herausbestimmen will. Selbst-Mitgefühl. Selbst-Achtung. Selbst-Verständnis. Das wären Alternativen. Nicht nur im Denken, sondern wirklich auch im Handeln:

"Die beste Analogie, die ich gehört habe, ist, sich selbst zu behandeln, als ob man ein Kind großzieht. Stellen dir vor, du bist ein Kind, das du erziehst und sehr liebst. Du weißt, dass du dem Kind viel Liebe und Pflege schenken musst, aber es braucht auch Grenzen. Du lässt es nicht alle Süßigkeiten essen oder mitten auf die Straße rennen. In deinem Herzen weißt du, was dir helfen wird, wirklich zu wachsen." (Pema Chödrön, via Lions Roar)

Wir leben leider in schwierigen Zeiten, einer Welt, die einem fast alles als erreichbar vorgaukelt. In einem Kosmos angeblich großer Wahl, der es uns leicht macht, nicht nur theoretisch, sondern praktisch ins einsame oder vergesellschaftende Verbesserungs-Training zu fliehen - weg von solchen wirklichen, herausfordernden Übungen der Nähe zum Dunkel. Wer erträgt schon ohne Durchhalteparolen die Nachbarin, die haltlos depressiv ist? Es locken ja schöne Chiffren. Irgendwann wird alles gut. Und wenn nicht? Für all das neptunisch konfuse Chaos, das Chiron zur Zeit wie ein Ausrufezeichen in die Seelen schwemmt, hat der Saturn lange eine Härte-Antwort zu dem Schmerz gegeben, den er sowieso gerade an die Wunschnatur des Schützen verteilt: Es wird nie reichen. Ich werde nie reichen. Du kannst dich so sehr abstrampeln, du bist nicht genug. Es gibt immer eine Götterwelt, einen Horizont, eine Vision dahinter. Einen Ort, wo es vollkommener, besser, perfekter ist. Wo du wirst wie die Bilder. Dabei kann Saturn eins wirklich gut - die Disziplin lehren, die man braucht, um nicht verloren zu gehen in der Ära des Optimums. Man ist einfach. Man übt, sich auszuhalten. Man lernt, das was man hat zu schätzen. Bis man sein kleines Glück in der Machbarkeit findet.

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Oder Saturn behindert dich, so lange, bis du begreifst: Das große Glück besteht auch nur aus kleinen Schritten. Glück ist ein Tuwort. Seit dem 8. Februar 2011 steht Chiron in den Fischen und wir erleben direkter als sonst, wie er vor seiner Möglichkeit zur Heilung das Leid ins Bewusstsein fließen lässt. Bis es so unendlich schmerzt, dass wir es nicht mehr als Luftblase übersehen, behandeln, verschieben können. Über das Stadium hinaus, wo die Platte seit Jahrhunderten einen Sprung hat und Merkur die chronische Frage der Vollendung stellt: Kann hier mal jemand das Leiden aus meinem Universum entfernen?

Nein. Wir leiden da, wo das Schicksal uns anderswo sieht, als wir innerlich sind. Mit einem Bein stets im großen Glück, das wir uns mental ausmalen. Kann sein, dass es wirklich wartet - keine Frage. Aber: Irgendwo wird selbst dann etwas haken, ziepen, sich wehren. Einer wird etwas anderes glauben als ich, mich stören, fehleinschätzen, nicht mitgehen, sich mir widersetzen. Dann wird es wieder so sein: Der Schmerz des Unerfüllten, der uns an einen viel älteren Kinder-Schmerz erinnert (es ging doch immer irgendwas schief) soll endlich verschwinden. Wieder nicht geklappt. Je schöner es vorher war, umso scheußlicher.

So menschlich, so bekannt, so kräftezehrend, so nutzlos. Leid gehört zum Alltag. Je eher man es leben lässt, umso eher wird es uns leben und lieben lassen. Leid ist ein Weg, eine Stufe, eine Schwelle, eine Lösung, eine Normalität, eine Ausdrucksform der lebendigen Herzen. Auch wenn Merkur für Ruhe sorgen möchte, schürt gerade sein ewiges Denken oft die Flammen von Wut und Unzufriedenheit:

"Wir sind Experten für Eskalation und geben mehr Kerosin ins Feuer. Den Kreislauf des Leidens zu deeskalieren, braucht Mut, denn der Drang, das zu tun, was man immer tut - schreien, weinen, schlagen, was auch immer - ist ein Magnet. Es zieht dich herunter wie ein Sog. Sich zu behaupten und nicht aggressiv zu sein, erfordert Mut. Das muss man gar nicht Buddhismus nennen. Das lehrte auch Martin Luther King. Wir sprechen über das Ideal einer geliebten Gemeinschaft. Niemand wird geheilt, bis alle geheilt sind. (Pema Chödrön, via Lions Roar)

Die allgemeine Spürbarkeit des Leids scheint in Wellen der großen Mundan-Zyklen zu kommen und zu gehen. Mit all der Überempfindlichkeit für Wehes aller Art, die uns gegeben ist als Menschen, und die seit dem Saturn-Chiron-Quadrat manchmal überdimensioniert scheint. Alles falsch hier, wo ich lebe. Ohne die fast physische Härte des saturnischen Anteils darin könnte Chiron vielleicht müheloser auch süßes, frisches Mitgefühl für andere in uns hervorrufen. Wenn wir bloß fähig wären, uns selbst dauerhaft als Teil eines großen Ganzen nicht nur zu denken, sondern zu fühlen. Da, wo Schmerz unvermeidbar ist. Aus dem Buddhismus stammt die Unterscheidung in drei Arten des Leids, die man astrologisch gut nachvollziehen kann: 

  • Leid des Leidens: Das, was einfach, direkt ist und wehtut - Geburt, Alter, Sterben, Krankheit, Unangenehmes im Alltag, aus dem wir besser keine große Sache machen, denn jeder erlebt es. Es braucht Empfinden, Raum und Zeit - und ist darum auch verbunden mit Mond, Saturn, Chiron und deren Frustrations-Potenzialen.
  • Leid der Veränderung: Alles löst sich auf, was wir festzuhalten versuchen. Aussehen, schöne Gefühle, Beziehungen, Besitz, Situationen, Erkenntnisse, die von anderen abgelöst werden. Auch diese Erfahrung von Venus, Pluto und Uranus (Gier, Trennung und Zerstörung) machen wir alle.
  • Leid der Bedingtheit: Die komplizierteste Art des Leids - weil sie so theoretisch klingt, obwohl sie sehr praktisch ist: Da wir abhängig von einander und den Umständen sind und nicht begreifen, dass im Grunde auf einer absoluten Ebene alles mit allem zusammengehört, wird selbst Erfüllung auf einer relativen Ebene immer Erfahrungen der Unerfülltheit nach sich ziehen. Bis wir den Daseinskreislauf als bedingend Leid erzeugend erkennen. Ein Zustand, den man Erleuchtung nennen könnte und vermutlich (trotz der immer mehr werdenden "Erleuchteten" im Esologie-Bereich) vermutlich nicht mehr in diesem Leben erreicht. Hier ist astrologisch die Verbindung zum Prinzip des Neptun angesiedelt, der Vergänglichkeit des Irdischen und all dessen, was eine höhere Bewusstheit nicht halten kann - worauf man wieder den "karmischen Tendenzen" folgt.

Karma bedeutet tibetisch übrigens nicht etwas einen magischen Zwang zu Sein auf eine bestimmte Weise. Sondern "Tun" und "Stern". Was uns auch betrifft, als astrologisch deutbare Wesen, die wir willentlich unser Horoskop mit seinen Tendenzen überschreiten, öffnen können. Nicht im Sinne der Verbesserung, sondern der Erweiterung des Blicks für alle Möglichkeiten. Nicht nur die, zu denen uns Denkgewohnheiten immer wieder treiben. Welche Anlagen des Auslebens wir dann auch mitbringen, unser Kokon von Handlungstendenzen werden immer wieder dasselbe Leid verursachen, wenn wir ihnen einfach blind folgen. Wo wir dann wieder und wieder auf dieselbe bedingte Weise ignorant agieren, als gäbe es einen Knopf zum Abschalten von gelernter Erfahrung.

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Leid ist eine rein irdische Konsequenz von Denken, Handeln und Wiederholung. Sozusagen ein Caput Mortuum, der Totenkopf aus der Alchemie, der aber immer auf der Ebene der Vergänglichkeit bleibt und sich nie mitwandelt, da, wo Gold aus Schmutz entsteht. Wie eine irdische Mahnung und Erinnerung. Der Ort, an den wir immer wieder gehen, ein Etwas, was an uns klebt, da es mit seinen Gewohnheiten die Verwandlung ins Unirdische, Unter- oder Überirdische nicht nachvollzieht. Man findet analog ja auch Knochenreste noch nach Jahrhunderten. Wir sind hier. Wir üben Er-Leben. Und nach uns kehrt vielleicht ein anderes Bewusstsein in die leibliche Gestalt zurück und beginnt neu zu handeln, getrieben von einem Muster alten Erlebens.

Mensch zu sein ist offenbar die einzige Form (Saturn), die es uns erlaubt, uns dennoch als "ungezwungene" Wesen zu begreifen. Da wir bewusst unsere Handlungsfreiheit gegen die inneren Rituale ergreifen können, die uns ziehen und zerren, in die alten Mechaniken. Genau das ist dann der Scheideweg des Karma, das sich am Leid als Folge des Handelns am besten ablesen lässt. Wie man nicht ständig den alten Wegen folgen sollte, nur weil sie bequemer sind. Tun wir das doch, werden wir uns weiter nur im mentalen Kreislauf unserer Denk- und Gefühls-Rituale aufreiben.

Schmerz führt darüber hinaus. Wenig sonst. "Freude" war evolutionär eine Erfahrung, die Menschen veranlasste, dasselbe blind und taub zu wiederholen, was Spaß brachte. Uns selbst und unser Leid zu vergessen, ist darum vielleicht gar nicht so positiv. Soviel zu Saturns "schwerem, schwierigen" Charakter. Für alle weltlichen Prozesse heißt Saturn-Chiron - auf einer weitaus platteren Ebene - praktisch: Nur da, wo das Leid kommen darf, wird es auch wieder gehen. Weist man es ständig ab, wird es so lange anklopfen, bis wir es einlassen. Wir sind Menschen. Wir leiden. Keine große Nummer. 

"Wenn du nach schwierigen Nachrichten still sitzenbleiben kannst, wenn du in einem finanziellen Desaster völlig ruhig bist, wenn du deine Nachbarn ohne einen Stich von Eifersucht zu wunderbaren Orten reisen lässt oder glücklich isst, was immer gerade auf deinem Teller liegt und dann nach einem Tag voller Herumrennerei einschläfst, ohne Drink, ohne Pille, wenn du immer Zufriedenheit da findest, wo du gerade bist, dann bist du wahrscheinlich ein Hund." (Jack Kornfield, via Lion's Roar).

Alle Tricks, mit denen wir uns durchmogeln wollen, ohne zu leiden, kleistern die Wahrheit des Schmerzes nur zu. Auch jetzt hagelt es unter Berührungen der leidbezüglichen Langsamläufer mit individuellen Horoskopen kardinal und fallend wieder Trauma-Splitter. Das Saturn-Chiron-Quadrat zog uns in seinen Auswirkungen das ganze Jahr in seinen Bann und erinnerte an den eigenen Chiron-Stand. An den Achsen oder in Aspekten mit Saturn, Pluto oder Neptun wirkte er da besonders dominant und un-überfühlbar. Nicht selten habe ich in den vergangenen Monaten solche Sätze von chironischen Menschen gehört: "Ich habe Leid genug für mehrere Leben durch!" Kaum einer sagt: "Und es war gut so!" Denn in unserer Kultur hat sich nicht wirklich herumgesprochen, dass Bezüge zu Heilsamem und Heilungen in einem Menschen selten ohne Unheilsames passieren. Es ist leider, als würde man geschmiedet im Leid und lange Schmerz konstellieren, bevor man sich seiner Kraft doch bewusst wird. Ob man das wahrhaben will oder nicht.

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Nein, Leben ist wirklich kein Ponyhof. Besonders Leute mit starkem Chiron im Radix können oft vieles heilen, nur sich selbst nicht. Für den Umgang damit gibt es auch astrologisch kein Patentrezept. Gut wäre der innige Wunsch und Versuch, diese bitter-süße Anlage in einem selbst auch nehmen zu können, damit man später umso mehr geben kann. Als Fisches Untermieter zeigt Chiron seit Längerem eine der deutlichsten Anbindungen an verwickelte, konfuse Opfer-Täter-Szenarien, die es in unserer Lebenszeit gab. In seinem Quadrat zum Saturn entstand die Gefahr, dass Visionen von Schuld und Schuldigen zu Halluzinationen werden, die sich festsetzen in der Zeit. Mit ihren vielen Sündenböcken belegt die Gegenwart, dass genau das passiert ist.

Nun kommen aber Phasen, in denen man bei sich selbst anfangen kann, diese tiefsitzenden Muster des Leids, das sich selbst erzeugt, indem es Täter ausmacht, zu akzeptieren. Und nicht in ihrer Existenz, aber in ihrer überwuchernden Bedeututng für das eigene Leben auch immer wieder bewusst aufzulösen. Schmerz kommt. Und vergeht. Erst danach begreift man, wo man in ihm, an ihm entlang gewachsen ist. Wo Notwendigkeiten des Erlebens, der Konfrontation, wirklich bestanden. Das alles ist leicht gesagt, wenn man mittendrin steckt. Nur so viel: Es wird sich bald an der Konzentration auf das "Martyrium", das so oft von so vielen gegenüber vielen anderen berufen wurde, etwas ändern. Saturn und Chiron lösen sich, und während Saturn nach Hause geht, in den Steinbock, wandelt sich ab Dezember auch das verwicklichende Klima. Das Weh wird anfassbarer und damit anders heilbar. Was könnte man selbst noch tun?

Typ 1: Für Menschen mit faktisch größeren Feuer-Luft-Anteilen als Zeichen-Anlage im Radix eignet sich, da Saturn Schütze verlässt, tatsächlich der Pfad der Konzentration auf Positives mehr, als ein weiterer, dauerhaft tiefer Einstieg in die eigenen Defizite. Was sich für sie überhaupt ja wie sehr frustrierende Kleinarbeit anfühlen kann. Ihre Entwicklung wird generell eher angeschoben durch Lichtes und Leuchtendes. Auch durch ein „Re-Framing“, das Umdenken in Richtung des „Guten“. Wobei solche Prozesse immer oberflächlicher verlaufen können als die von Erde-Wasser. Unumgänglich wird auch bei Feuer-Luft aber nachhaltiges, konfrontatives Tiefsee-Tauchen und eine bewusste Beschäftigung mit Traumata, wenn die Geburts-Anlagen von Erde-Wasser-Planeten wie Pluto, Saturn oder Neptun berührt sind. Wer zwar wichtige persönliche Stände wie Sonne/Mond in Feuer-Luft hat, aber dahinter noch eine stärkere Betonung von Erde- oder Wasser-Faktoren, wird am positiven Denken (und Abkömmlingen der Licht & Liebe Techniken) eher scheitern und sollte wie Typ 2 verfahren.

Typ 2: Menschen mit mehr Erde-Wasser als Radix-Anlage werden am positiven Denken überhaupt auch nicht viel Freude haben und mit Simplify-Parolen kaum durchkommen. Sie fahren gut, wenn sie dauerhaft akzeptieren: Hindernisse sind gerade für sie kein kosmischer Dreck, der aus dem Weg geräumt werden muss, um danach erst im „richtigen Dasein“ zu relaxen. Erde-Wasser bleibt als ein rechtshirniger Empfindungs-Macher-Typus anfällig für seine eigene hoch sensible, kreative Wahrnehmung, die evolutionär aus diesem Typ die intelligent-schaffenden „Problembewältiger“ entwickelte. Sprich, ohne Frieren und Hunger auf Proteine säßen wir womöglich noch genütlich und froh auf Bäumen und verspeisten Bananen. Je ausgeprägter Erde-Wasser im Chart, desto mehr profitiert man vom Weg der Hindernisse. Der beginnt, wo man Leid als Teil des Daseins wirklich immer öfter auch akzeptiert, seine Antwort darauf stets als selbstproduziert erkennt und die Balance als eine Herausforderung und einen Übungsweg betrachtet. Gehen nun aber Jupiter und Uranus als Luft-Feuer-Trend über Schlüssel-Konstellationen im Erde-Wasser-Horoskop, wäre es aber auch hier phasenweise Zeit, etwas mehr Distanz einzunehmen oder in schwierigen Energien für eine Weile das Positive zu sehen. 

Beide Typen sollten unbedingt Alltags-Hürden als natürliche „Boten“ von Notwendigkeiten betrachten lernen, die sich letztlich vermutlich zum richtigen Zeitpunkt in den Weg stellen. Das geschieht a), weil es im Zyklus einfach dran ist oder b) eine wichtige Bedeutung als Kompensation von etwas anderem hat, die man bisher übersehen oder übergangen hatte. Flucht - ob vor sich selbst oder vor anderen - ist in jedem Problem-Kosmos, in dem man sich astrologisch gerade befindet, meist weniger eine Lösung.

"Wenn du allein lebst - und ich bin oft allein in einem Retreat oder irgendeinem ähnlichen Setting - hast du alles genau so, wie du es haben willst. Deshalb ist es wirklich gut, wenn Leute hereinkommen und Dinge vermasseln. Ansonsten glaubst du, der Sinn des Lebens bestünde nur darin, alles so einzurichten, wie du es haben willst. Aber siehe da, sobald du nur eine einzige Sache hinzugibst, wird das Leben wieder total irritierend." (Pema Chödrön, via Lions Roar)

108taraMerke: Veränderung ist nicht ohne Veränderung zu haben. Entwicklung auch nicht. Und das stört oft, mich, dich oder unser immer agiles, aufrechtes Ego (das wir gar nicht loswerden müssen, sondern in den Dienst der Lebendigkeit stellen. Oder das Gefühl der Identifikation mit etwas, das man zu verlieren fürchtet, wenn einem die Kontrolle über den Alltag entgleitet. Wenn nun heute nachts der Saturn-Chiron noch einmal bei uns allen anklopft, wäre das ein guter Zeitpunkt, um sich mit dem eigenen Verhältnis (angelegt oder gelernt) zum und Verständnis von Leid noch mal auseinanderzusetzen.

Mit der Weckfunktion des Schmerzes. Mit all der Untröstlichkeit, die wir erlebt haben, während wir reiften. Damit, dass letztlich nach Leben immer Leben kommt, solange wir sterblich, aber noch nicht gestorben sind. Saturn-Chiron, seiner selbst bewusst, schafft dann, wenn wir die Saite in uns nicht stoppen, sondern mitschwingen lassen, auch liebende Güte, Erbarmen und manchmal Erkenntnis erst angesichts der Sterblichkeit:

Leid zeigt immerhin, hurra, wir leben noch. Niemand weiß, wie lange, niemand, mit wem, aber wir wissen, wie wir es leben wollen, wofür wir uns entscheiden. Wir können genausogut unser Leid tragen wie es zu bekämpfen. Uns in den Schmerz und den Schmerz in uns mitnehmen, in die Mitte des Herzens, in die Mitte des Lebens. Eines Daseins, das wir auch mit dieser großen Last im guten, alten Aufgaben-Rucksack ja letztlich bisher famos durchwandert haben. Was uns nicht umgebracht hat, auch wenn wir alles wissen: Irgendwann ist es soweit. All die Sorgen, an denen wir gelitten haben, die gestern groß und heute unwichtig sind. All die Verstandes-Gymnastik, die uns etwas vormachte, was nie wurde.

Sicher, es hat sich oft angefühlt wie barfuss auf Scherben zu gehen. Aber wir dankbar waren wir, wenn nach einer Weile der Schmerz einfach aufhörte. Dauerhaft wird er das erst als Prinzip der Unerfüllung tun, wenn wir tot sind (bleibt jedenfalls zu hoffen). Tod ist vielleicht ein guter, wenn nicht der beste Grund, das Leiden etwas mehr zu lieben als wir es tun. Und wenn dann noch, nach diesem Saturn-Chiron, an den wir uns als Quengel-, Jammer- und Selbstverbesserungs-Grund doch schon so gewöhnt hatten, die Reklame-Bilder der Perfektion durch Spirituelles oder Materielles auch nur langsam verschwinden: Wir können uns entscheiden, etwas heiße Luft aus dem Ballon zu lassen, der uns ins Optimale treibt. Vielleicht lernen wir ja, die Selbst-Verbesserung nicht auch noch dem Haufen Stress hinzuzufügen, unter dem wir sowieso schon so unglücklich sind.

Vielleicht sind wir einfach, wer und wie wir sind. Und leben unsere Emotionen und guten Absichten, ohne die schlechten völlig zu verteufeln. Damit wir nicht irgendwann im Augen des Betrachters (immer wir selbst) auch noch zum Leibhaftigen mutieren. Vielleicht fühlen wir einfach manchmal dorthin, wo wir wissen, was geht: Wo wir ein schlagendes Herz haben und all die Verletzungen kennt, verbinden wir uns mit anderen, die uns ähneln, weil sie uns ähneln. Und mit denen, die anders sind, weil sie anders sind. Wo wir das Leid lieben lernen, ist dann wahrscheinlich wirklich ein bisschen reicher leben.

dalailamaIm Tibetischen gibt es, wie der Dalai Lama (Radix rechts via Astro-Databank, Rodden Rating C) einmal sagte, ein und dasselbe Wort für Mitgefühl mit sich selbst und anderen, das sich völlig von unseren westlichen Worten und Vorstellungen unterscheidet. Tsewa (brtse bas) ist letztlich ein Tun - von jemandem, der sich kümmert um jemanden, der das Kümmern braucht. Liebende Wärme. Keine Ich-bin-Du- oder Selbst-Aufgabe, sondern ein Bewusstseins-Prozess. Mitgefühl bedeutet laut Dalai Lama (Doppel-Krebs mit einem wunderbaren und konfrontativen Saturn-Chiron-Neptun-Quadrat und Mond-Neptun!) einen "Zustand des Wünschens, das Objekt des Mitgefühls möge frei von Leiden sein." Aber auch den unbedingten Wunsch, alles Nötige dafür zu tun.

So wird aus Leid neues Karma. Konstruktiver. Mitgefühl beinhaltet nämlich laut Tibetern nicht etwa Mit-Leid oder Mit-Trauer oder Mit-Schmerz, also ein eigenes Durchdrungensein von schmerzhaften Gefühlen, mit denen der andere schon genug kämpft. Sondern handlungsfähig und hilfreich zu bleiben, indem man weder an den Mit-Gefühlen klebt, noch sie abweist.

Man lebt, man fühlt, man lässt die Welle durchlaufen. Man hegt bewusst einen festen Wunsch, positiv auf die Befreiung von jeglichen Schmerzen anderer und des Selbst eingestimmt zu sein. Man hat Absichten. Man experimentiert. Man wünscht sich, nützlich zu sein, bereitwillig dafür alles zu tun. Was letztlich das linke und nicht das immer wehmütige, leicht störbare, schnell beseitigungs-bereite rechte Gehirn aufruft. Mit all dieser sonderbaren, linkshirnigen, zivilisierten Fähigkeit, eher freudvolle Empfindungen zu aktivieren. Die evolutionär nicht wirklich nützlich waren, weil sie einen in der Untätigkeit beließen. Und dennoch schön sind.

Weil sie jetzt sehr praktisch wären, sehr hilfreich, sehr lebensgut. Wir sind auch mit unserer Angst, mit Leiden wertvoll. Wir bleiben dann präsent und tätig, wenn wir unsere Gefühle respektieren, aber nicht überdimensionieren und auswalzen. Ohne dabei die Unfertigkeit, Bedingtheit und schmerzvolle Kälte der Welt aus den Augen zu verlieren. Wie du denkst, ändert vielleicht nur so wirklich, ohne Konstrukt, nur durch Sehen, Vorübergehen und Akzeptieren des Unabweisbaren, diese Welt. Alles eine Sache der guten Entscheidungen und des Wissens: Nur gemeinsam überleben wir den Schmerz, wo wir schon nicht das Leben überleben werden.  

Bilder (bearbeitet): Pixabay + sri

Zitat-Quelle: Der sehr empfehlenswerte, weil wirklich sehr bereichernde Artikel im „Lions Roar“ - The Wondrous Path Of Difficulties + Dalai-Lama-Zitat: Mitfühlend Leben - Mit Selbst-Mitgefühl und Achtsamkeit die seelische Gesundheit stärken (Erik van den Brink/Frits Koster, Kösel)

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